Brutale Überfälle, antisemitische oder rassistische Beleidigungen auf offener Straße, rechte Hetzparolen und Aufrufe zur Gewalt gegen Flüchtlinge im Internet – all dies findet nicht nur irgendwo weit weg in Deutschland statt, sondern mitten unter uns.
Vierzehn Fälle rechtsextremistischer Gewalt aus Saalfeld, Ballstädt und Tannroda bis Erfurt, Jena und Weimar von 2012 bis 2015 dokumentiert die neue Sonderausstellung „Angsträume“ im Bad Salzunger Museum am Gradierwerk, die am Montagnachmittag auf Einladung des Bündnisses für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit im Wartburgkreis eröffnet wurde und bis zum 27.11. besucht werden kann. Der Eintritt ist frei. Die von „ezra – Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen“ initiierte Wanderausstellung erinnert außerdem an acht Menschen, die durch rechte Gewalttäter zu Tode kamen.

Rechte Gewalt auch in unserer Nähe, ein Fall aus Eisenach

Rechte Gewalt auch in unserer Nähe, ein Fall aus Eisenach

Jörg Markert, Sprecher des Bündnisses, unterstrich in seiner Rede die einleitenden Worte der Museumsleiterin Ulrike Rönnecke: Das Wachrütteln der Gesellschaft mit unbequemen, schwierigen Ausstellungen wie dieser sei überaus wichtig. Man müsse alle gesellschaftlichen Kräfte bündeln, in Diskurs gehen und progressiv agieren.
Auch Maik Klotzbach, Sprecher des Bündnisses gegen Rechts im Werratal, versteht die Ausstellung als Mahnung, die gegen alltägliche rechte Gewalt sensibilisieren soll. Diese sei weiter verbreitet, als sich vermuten lässt.

Ansprache von Maik Klotzbach, Vorsitzender des Bündnis gegen Rechts – Werratal und Vorsitzender der Jusos Eisenach/Wartburgkreis

Maik Klotzbach, Vorsitzender des Bündnis gegen Rechts - Werratal und Vorsitzender der Jusos Eisenach/Wartburgkreis

Maik Klotzbach, Vorsitzender des Bündnis gegen Rechts – Werratal und Vorsitzender der Jusos Eisenach/Wartburgkreis

Ein archaisches Gesetz in uns scheint zu verlangen, dass alles Fremde als feindlich zu betrachten sei, so als müssten wir es fürchten und bekämpfen, schon einfach weil es fremd ist. Es bedroht uns, weil wir es nicht kennen, es stellt uns in Frage, weil es anders ist als wir, es verletzt uns, weil es den Nimbus unserer Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit zerstört. Je stärker unsere Angst ist, desto enger zieht das Band unserer Menschlichkeit sich um die uns Nächststehenden zusammen, desto entschiedener schließt es alle anderen als Gegner aus. Moralische Regeln, die uns im Umgang mit unseresgleichen absolut bindend vorkommen, verlieren ihre Geltung, ja verkehren sich ins Gegenteil gegenüber Menschen, die nicht zu uns gehören. Je stärker unsere eigene Gruppe – der Clan, der Stamm, das Volk, die soziale Schicht, die Religionsgemeinschaft, die Partei – bestimmt, was menschlich ist, desto weniger dürfen uns diejenigen als Menschen erscheinen, auf die das jeweilige System von Normen und Verhaltensregeln nicht anzuwenden ist. Statt als Menschen haben sie uns als Gesetzlose, als Volksgegner, als Klassenfeinde, als Ungläubige, als Reaktionäre zu gelten, denen Kampf, Verachtung und Verfolgung anzusagen ist.

Wenn man diese Worte hört, könnte man meinen, sie stammen aus der jüngsten Vergangenheit. Doch tatsächlich sind sie 2000 Jahre alt, interpretiert und abgeleitet aus dem Markusevangelium.

Der Mensch hatte schon immer Angst vor dem Fremden, dem Neuen, dem Unbestimmten. An sich ist dies nicht verwerflich, dient es doch dem natürlichen Instinkt des Überlebens.

Aus dem Überlebenskampf ist in unserer westlichen Welt schon vor langer Zeit ein Verteilungskampf geworden. Unsere Möglichkeiten scheinen schier unerschöpflich. Frieden wird zur Gewohnheit, Mangel ist kein Begriff mehr. Es lebt sich wirklich gut.

Und plötzlich steigt die Angst, diesen Wohlstand zu verlieren. Rechtsextreme Kräfte versuchen daraus Profit zu schlagen und haben zunehmend Erfolg. Aus Angst wird Hass. Aus Hass wird Gewalt. Die Übergriffe auf Asylsuchende, Flüchtlingsunterkünfte, Anschläge auf Parteibüros, Politiker zeigen es. Andersdenkende, Andersliebende, Andersgläubige werden Opfer rechter Gewalt.

Die als Wanderausstellung konzipierte Dokumentation basiert auf 14 Fällen rechter Gewalt, die sich zwischen 2012 und 2015 an verschiedenen Orten in Thürin¬gen ereignet haben. Sie markieren einen Querschnitt verschieden motivierter Angriffe und Formen rechter Gewalt. Die Tatorte befinden sich in fast allen Regi¬onen Thüringens. Alle Angriffe sind ezra, der mobilen Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, bekannt und wurden in weiten Teilen auch von ezra bearbeitet. Zudem will die Ausstellung an die 8 Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen erin¬nern, die unabhängige Organisationen seit 1990 wahrgenommen haben.
Das Anliegen der Ausstellung ist es, für die Alltäglichkeit rechter Gewalt zu sensibilisieren. Einige Formen von Gewalt werden dauerhaft, andere subtiler oder bedrohlicher ausgeübt. Viele Fälle erfahren keine Öffentlichkeit. Rechte Gewalt ist an vielen Orten alltäglicher und weiter ver¬breitet, als die öffentliche Darstellung vermuten lässt.
Bei der Zählung der Todesopfer rechter Gewalt zeigt sich eine besonders starke Abweichung zwischen staatlichen Behörden auf der einen Seite und unabhängi¬gen Organisationen und Journalist_innen auf der anderen Seite. Von den in der Ausstellung aufgeführten Todesopfern rechter Gewalt ist nach wie vor lediglich eines staatlich anerkannt. Die Ausstel-lung möchte dazu beitragen, dass diese Menschen in Erinnerung bleiben.
Für die Betroffenen bedeuten Angriffe – in welcher Form auch immer – tiefe Einschnitte in ihr vertrautes Leben. Es entstehen subjektiv wahrgenommene »Angsträume«, die individuell erlebt werden. »Angsträume« können auch für ganze Gruppen aus einem permanenten Szenario der Bedrohung heraus entste¬hen. Besonders schwierig ist die Situation für Betroffene, die aus Motiven gruppen¬bezogener Menschenfeindlichkeit in der Kneipe, im Supermarkt oder in den eigenen vier Wänden angegriffen werden: Für sie wird die persönliche Lebenswelt zu einem »Angstraum«.

Ich möchte Abschließen mit den Worten der Landesbischöfin Ilse Junkermann, Schirmherrin der Ausstellung

Es tut weh hinzuschauen, wenn Menschen Gewalt und Unrecht angetan wird. Die Ausstellung zeigt an verschiedenen Beispielen, wie alltaglich überall in Thüringen Gewalt aus rechten, rassistischen und antisemitischen Motiven ausgeübt wird, bis hin zur Ermordung von Menschen. Es ist schwer, diese Schilderungen auszuhalten.
Hinschauen ist die Voraussetzung dafür, dass Unrecht wahrgenommen wird und sich Menschen auf die Seite derer stellen, die angegriffen, verletzt und ausgegrenzt werden. Wegschauen bedeutet dagegen, die Betroffenen allein zu lassen.
Liebe Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, ich bitte Sie darum hinzuschauen und weiß, dass es schwer ist. Das Motto und die Forderung »Nächstenliebe verlangt Klarheit!« ist aktueller denn je in einer Zeit, in der die Stimmen derer immer lauter werden, die eine offene Gesellschaft genauso ablehnen wie Hilfe für Menschen auf der Flucht.
Nach biblischem Verständnis hat Gott alle Menschen nach seinem Bild geschaffen. Darin gründet sich die Würde jedes Menschen. Sie ist ein unveräußerliches Menschenrecht, das für alle Menschen in gleicher Weise gilt. Gott ist ein Gott der Liebe und nicht des Hasses, ein Gott des Lebens und nicht der Zerstörung von Leben. Es ist unsere Pflicht, gegen die Abwertung und Missachtung von Menschen aufzustehen und der Gewalt klar und entschieden entgegen zu treten.
Ich wünsche uns allen die Klarheit und die Kraft dafür.
Landesbischöfin Ilse Junkermann (Schirmherrin der Ausstellung)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Maik Klotzbach

Die Wanderausstellung kann bis Sonntag, 27. November, zu den Öffnungszeiten des Museums
besucht werden. Der Eintritt ist frei.

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