Deutschland, das sind nicht nur die Metropolen, das ist auch das Land, sagt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Recht hat er! Warum die Zukunft der Provinz gehört
Von Hannes Leitlein

Der neueste Trend heißt „Dorf“. © Sebastian Unrau/unsplash.com

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Wer kann, zieht weg – das galt lange für die Provinz. Von Landflucht war die Rede, von Ärztemangel und ausblutenden Dörfern. Doch die Menschen zieht es wieder raus aus der Stadt. Nicht in die Speckgürtel, die Vororte mit S-Bahn-Anbindung. Nein, die Städter machen Ernst: Es zieht sie in die Einöde. Der neueste Trend heißt „Dorf“.

Landbewegungen hat es immer gegeben. Sie waren romantischer Natur, wie die Wandervogelbewegung, oder ideologischer, wie die Grünen in den 1970er-Jahren. Nach Jahrzehnten der Urbanisierung entwickelt sich nun eine neue Dorfbewegung. Ob sie die Alterspyramide auf den Kopf stellen kann?

Lange gaben sich Städter damit zufrieden, ihre Wohnung ländlich einzurichten (aktuell ist wieder Eiche angesagt) und am Wochenende „rauszufahren“. Doch inzwischen haben Menschen, die zum Studium oder wegen der Arbeit in die Stadt gezogen sind, satt, was sie noch vor wenigen Jahren für unverzichtbar hielten. Enttäuscht stellen sie fest: Die Wege sind im dichten Verkehr oder der vollen U-Bahn nicht kürzer als auf dem Land. Aus mehreren Schulen für das Kind auswählen zu können muss kein Vorteil sein, und das Überangebot an Kultur strengt die meisten mehr an, als dass es sie beflügelt. Auch in der angesagtesten Stadt der Welt muss sich vom Sofa aufraffen, wer in die Oper will. Pizza bestellen und Filme bei Netflix gucken geht mittlerweile auch in Hünxe. Selbst gebürtige Städter zwingt die Entwicklung immer weiter raus. Die Urbanität wird ihnen zunehmend zur Last – von den Mietpreisen ganz zu schweigen.

Gleichzeitig entdeckt auch die Politik das Land. Der Schulzzug etwa machte dort jüngst halt und twitterte: „Deutschland ist nicht nur Berlin. Wir leben hier auch in mittleren Städten und in vielen kleinen Dörfern. Überall muss man gut leben können!“ Die vielen Porträts des SPD-Kanzlerkandidaten mit Rekurs auf sein Heimatstädtchen Würselen tragen ihren Teil zur Rustikalisierung seiner Kampagne bei. Ahnt Schulz, dass er die Wahl 2017 nur mit dem Land gewinnen wird? Es könnte die Lehre aus Brexit und Trump sein, den beiden Ereignissen des vergangenen Jahres, als das urbane Deutschland morgens aufwachte und feststellen musste, dass die Welt nicht nur aus kreativen Großstädtern besteht.

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3. März 2017, 9:56 Uhr Aktualisiert am 4. März 2017, 21:33 Uhr
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