Kommentar von Peter Lauterbach in der Südthüringer Zeitung_

So leidenschaftlich wie beim Thema Gebietsreform legen sich hiesige Bürgermeister und Landräte selten ins Zeug. Schließlich geht’s – wenn man manchen Protagonisten mit Chefsessel in der öffentlichen Verwaltung Glauben schenkt – um nicht weniger als den Untergang Südthüringens:
Alles soll so bleiben, wie es ist.
Ist das allen Ernstes der Plan? Man muss gar nicht so weit in die Geschichte blicken, um zu sehen, wohin es führt, wenn politische Eliten nicht merken, dass ihnen die Zeit davongelaufen ist. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, bestellte man einst der Berliner Führungsriege. Auch die wollte an etwas festhalten, das es nicht mehr gab. So ist es auch bei der Gebietsreform. Längst haben sich alte Strukturen überlebt. Südthüringen verliert dramatisch Einwohner: Minus 25 Prozent lautet die optimistischste Prognose bis 2030. Doch mancher Bürgermeister oder Landrat meint, nicht das sei die Bedrohung, sondern der Plan der Landesregierung, größere Kreise für weniger Menschen zu schaffen. Dabei wähnen sie die Bürger hinter sich, die sich in ihren heimeligen Nischen wohlfühlten.
Natürlich stiftet Heimat Identität. Sie bietet Halt und Orientierung – keine Zukunft ohne Herkunft.
Doch Heimat richtet sich nicht nach Verwaltungsstrukturen. Heimat ist etwas sehr Persönliches, das
Familien, Freunde, Nachbarschaften, Orte, ganze Landstriche meinen kann. Was hat das mit Kreisgrenzen zu tun? Und gibt es nicht längst ein ganz anderes, weiträumigeres Zugehörigkeitsgefühl: Thüringer, Südthüringer, Franke?
Wenn die günstige Erreichbarkeit von Kfz-Zulassungsstellen als Argument für den Erhalt von Landkreisen herhalten muss, dann wird’s langsam gruselig in der Reformdebatte. Als ob Otto- Normal-Südthüringer dreimal die Woche aufs Landratsamt fährt. Dass kein Kreisstadtbürgermeister gerne auf den Kreisstadt-Status verzichtet, ist nachvollziehbar. Ämter bringen Leben in eine Stadt. Weniger Menschen aber bedeuten zwangsläufig weniger Ämter. Wer Ämter erhalten will, muss sich Einwohner backen – so einfach ist das. Manche werden sogar anbiedernd, wenn es um die Landkreisgrenze geht: Bleiben Kreis und Kreisstadt nicht, gehen wir nach Coburg – tönt es aus Sonneberg. Soll man solches Geschrei wirklich ernst nehmen? Sich mit den Hildburghäuser Franken zum Kreis zu vereinen, scheint völlig undenkbar. Bei den Coburger Franken sein Heil zu suchen, dagegen nicht. Abgesehen davon, dass ein solcher Wechsel gar nicht geht: Wo ist da die Logik?
Der Ungeist der Kleinstaaterei scheint noch immer durch manche Amtsstube zu wehen. Natürlich hat gerade Thüringen auch von Kleinstaaterei profitiert – aber nur dort, wo sie produktiv war und in Jahrhunderten etwa den Kulturkosmos der Fürstenherrlichkeit hervorbrachte. Dem Süden Thüringens dagegen hat kleingeistiges Denken in den letzten 25 Jahren so manche Chance verbaut. Landräte und Bürgermeister haben es nicht geschafft, wollten es nicht schaffen, aus diesem Landstrich ein starkes, selbstbewusstes Gebilde zu formen, in dem man zusammenhält, sich gegenseitig hilft, gemeinsam Probleme anpackt. Sie hatten alle Freiheit und alle Zeit dazu. Der Süden könnte heute ein kleines Thüringer Musterländle sein – gerade weil die Südthüringer wegen ihren gemeinsamen Wurzeln so gut miteinander können. Das wäre die Aufgabe der politischen Eliten hierzulande gewesen. Stattdessen schaute und schaut fast jeder nur nach seinem Vorteil und seinem Amtssessel, misstraut und missgönnt seinem Nachbarn jeden Erfolg. Politisches Versagen, das endlich ein Ende haben sollte.

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